Man sagt uns ständig, dass wir die Zukunft sind. Dass wir uns anstrengen sollen, Verantwortung übernehmen und etwas aus unserem Leben machen müssen. Gleichzeitig sollen wir hinnehmen, dass Unterricht ausfällt, das Wohnen immer teurer wird und Entscheidungen über unsere Zukunft vor allem von Menschen getroffen werden, die ganz andere Lebensbedingungen kennen.

Ich bin selbst jung. Und mich macht zunehmend wütend, wie oft Politik von der Zukunft spricht, während sie an den Voraussetzungen für diese Zukunft spart oder sie nicht ausreichend verbessert. Für mich wirkt es, als würden die Interessen der Wirtschaft häufig schneller gehört als die Bedürfnisse der Menschen, die gerade erst ins Erwachsenenleben starten.

Das ist meine politische Einschätzung, kein bewiesenes Motiv einzelner Politiker. Aber sie ist der Grund, weshalb mich die Jugendproteste in Frankreich und die Demonstrationen vom 31. Oktober in Deutschland beschäftigen. Ich will verstehen, was junge Menschen auf die Straße bringt. Und ich will wissen, ob ihre Forderungen nicht nur nachvollziehbar, sondern auch politisch umsetzbar sind.

Denn für mich ist klar: Es ist richtig und notwendig, dass junge Menschen sich einmischen. Nicht, weil jeder Protest automatisch recht hat. Sondern weil eine Demokratie nicht davon leben kann, dass diejenigen, die die Folgen ihrer Entscheidungen am längsten tragen, einfach still bleiben.

Es geht nicht um ein einzelnes Problem

Wer die aktuellen Proteste auf eine einzige Forderung reduzieren will, übersieht ihren Kern. Es geht um Bildung, um Geld, um Wohnen und um das Gefühl, dass politische Entscheidungen an der eigenen Lebensrealität vorbeigehen. In Deutschland kommen Forderungen gegen die Wehrpflicht und für Klimaschutz hinzu. Das alles ist nicht dasselbe. Aber die Fragen dahinter hängen zusammen: Welche Zukunft wird uns eigentlich ermöglicht? Und wer entscheidet darüber?

Am 31. Oktober 2026 gingen in mehr als 30 deutschen Städten junge Menschen auf die Straße. Unter dem Motto „Gen Z regelt“ wurde für bessere Bildung, bezahlbares Leben, soziale Sicherheit, Klimaschutz und gegen eine Wehrpflicht demonstriert. Auch Grundrechte und der Widerstand gegen mehr Überwachung gehörten zu den Forderungen. Nach Angaben der Initiative, über die die Tagesschau am 1. November berichtete, nahmen bundesweit etwa 120.000 Menschen teil. Diese Zahl stammt von den Organisatoren und ist keine unabhängig bestätigte Gesamtzählung. Sie lag zudem unter den Erwartungen der Initiative.

Nicht überall hatten dieselben Gruppen die Veranstaltungen angemeldet. Und nicht nur junge Menschen nahmen teil: In mehreren Städten waren auch Ältere dabei, die sich mit den Forderungen solidarisierten. Von einer einheitlichen Bewegung mit einer einzigen Stimme zu sprechen, wäre deshalb zu einfach.

Das heißt allerdings nicht, dass diese Initiative für alle jungen Menschen spricht. Ihre Organisationsstruktur gilt teilweise als undurchsichtig. Die Bundesschülerkonferenz und weitere Schülervertretungen haben sich deshalb von den Protestaufrufen distanziert und eigene Aktionen angekündigt. Diese Kritik ist berechtigt: Wer für politische Mitbestimmung demonstriert, muss sich auch Fragen nach Transparenz und Verantwortung stellen lassen.

Der Protesttag lässt sich inzwischen besser beurteilen als noch am Vorabend. Die Tagesschau beschreibt die Demonstrationen insgesamt als weitgehend friedlich. Gleichzeitig kam es in mehreren Städten, vor allem gegen Ende oder nach den Kundgebungen, zu Ausschreitungen. Beides gehört zur Bilanz. Wer nur von friedlichen Demonstrationen spricht, lässt etwas weg. Wer nur von Gewalt spricht, allerdings auch.

Und politische Folgen lassen sich einen Tag später noch nicht seriös beziffern. Ein Protesttag kann Aufmerksamkeit erzeugen, ohne dass bereits eine politische Entscheidung verändert worden sein muss.

Frankreich: Wenn der Unterricht selbst zum Protestgrund wird

Frankreich ist ein anderes Beispiel. Dort haben Schülerinnen und Schüler bereits seit September gegen Missstände an Schulen protestiert. Im Zentrum stehen fehlende Lehrkräfte, ausfallender Unterricht, überfüllte Klassen und Probleme beim Übergang ins Studium. Die Bewegung ist nicht mit der deutschen Initiative identisch. Ihre Forderungen entstanden stärker aus konkreten Problemen an einzelnen Schulen.

Wie real diese Probleme sind, zeigen Zahlen des französischen Bildungsministeriums: Im Schuljahr 2024/25 wurden an öffentlichen weiterführenden Schulen 9,8 Prozent der vorgesehenen Unterrichtsstunden nicht erteilt. Ein erheblicher Teil entfiel auf nicht vertretene Lehrkräfte. Das ist keine bloße Stimmung und keine Übertreibung von Demonstrierenden, sondern eine amtliche Erhebung.

Am 26. Oktober kündigte die französische Regierung schließlich ein Maßnahmenpaket an: Geplante Stellenstreichungen im Sekundarbereich sollen zurückgenommen, 500 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen und besonders große Klassen schrittweise verkleinert werden. Auch das Hochschulzulassungssystem Parcoursup soll bis 2028 ersetzt werden.

Diese Zusagen sind noch nicht mit ihrer vollständigen Umsetzung gleichzusetzen. Sie beweisen auch nicht, dass ausschließlich die Proteste für die Entscheidungen verantwortlich waren. Die Regierung bezeichnete das Paket aber ausdrücklich als Antwort auf die Schwierigkeiten, die Schülerinnen und Schüler vorgebracht hatten.

Für mich steckt darin eine unbequeme Frage: Wenn Verbesserungen nach wochenlangen Protesten plötzlich politisch möglich erscheinen, warum hatten die Probleme vorher nicht dieselbe Dringlichkeit?

Vielleicht gibt es dafür haushaltspolitische Gründe. Vielleicht haben Gespräche und Vorarbeiten schon vorher stattgefunden. All das muss man berücksichtigen. Trotzdem zeigt der Fall, dass Protest mehr sein kann als bloßer Ausdruck von Frust. Er kann politische Prioritäten sichtbar verschieben.

Bildung muss auf das Leben vorbereiten

Wenn ich über Bildungspolitik spreche, geht es mir nicht nur um mehr Lehrkräfte oder bessere Gebäude. Ich finde, dass unser Bildungssystem grundsätzlich moderner werden muss.

Wir verbringen Jahre in der Schule. Wir sollen selbstständig denken, Verantwortung übernehmen und später auf eigenen Beinen stehen. Trotzdem lernen wir vieles, was für dieses selbstständige Leben unmittelbar wichtig ist, oft nicht systematisch genug: Wie lese ich einen Mietvertrag? Worauf muss ich bei Versicherungen achten? Wie funktioniert eine Steuererklärung? Welche Rechte habe ich als Arbeitnehmer? Wie erkenne ich finanzielle Risiken oder manipulative Informationen?

Ich fordere nicht, dass solche Themen Mathematik, Geschichte oder Literatur verdrängen. Allgemeinbildung ist mehr als eine Vorbereitung auf Formulare. Gerade deshalb sollte Schule beides leisten: Menschen befähigen, die Welt zu verstehen, und sie darauf vorbereiten, sich in ihr zurechtzufinden.

Es wäre allerdings falsch zu behaupten, Deutschland würde insgesamt immer weniger für Bildung ausgeben. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die öffentlichen Bildungsausgaben 2024 auf rund 198 Milliarden Euro, nominal um sieben Prozent und preisbereinigt um vier Prozent gegenüber 2023. Und doch bleiben erhebliche Probleme bestehen. Die OECD-Ergebnisse von PISA 2025 zeigen für Deutschland schwächere Durchschnittsergebnisse in Lesen und Mathematik als 2022.

Daraus lässt sich nicht ableiten, dass ein bestimmter Haushaltsposten diese Entwicklung verursacht hat. Aber es zeigt: Mehr Geld allein reicht nicht. Es kommt darauf an, wo es ankommt, welche Bedingungen Lehrkräfte und Lernende vorfinden und ob wir bereit sind, das System wirklich weiterzuentwickeln.

Gerade deshalb stört mich, wenn Bildungsdebatten auf die Frage verengt werden, was eine Reform kostet. Wir müssten mindestens genauso ernsthaft fragen, was es kostet, wenn wir sie unterlassen.

Ein eigenes Leben darf kein Luxus sein

Neben der Schule gibt es eine zweite Realität, die junge Menschen direkt trifft: der Versuch, finanziell unabhängig zu werden.

Wer eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, braucht oft eine Wohnung. Und wer eine Wohnung sucht, merkt schnell, wie stark die eigenen Möglichkeiten vom Geld abhängen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom 15. Juli 2026 geben Studierende mit eigener Haushaltsführung in Deutschland durchschnittlich 54 Prozent ihres verfügbaren Haushaltseinkommens für Wohnkosten aus. 65 Prozent dieser Haushalte gelten nach der europäischen Definition als durch Wohnkosten überbelastet.

Man muss sich diese Zahl vor Augen führen: Mehr als die Hälfte des verfügbaren Einkommens geht im Durchschnitt allein für das Wohnen drauf. Was bleibt dann für Lebensmittel, Mobilität, Bildung, soziale Teilhabe oder Rücklagen?

Natürlich leiden auch Familien, Rentnerinnen und Rentner sowie andere Menschen mit geringem Einkommen unter hohen Mieten. Die Wohnungsfrage ist kein exklusives Jugendproblem. Aber sie entscheidet für junge Menschen oft darüber, ob der nächste Lebensschritt überhaupt möglich ist.

Ich finde nicht, dass die Antwort darauf sein sollte, dass jeder eben mehr verdienen oder sich mit weniger zufriedengeben müsse. Wohnen ist eine Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Deshalb halte ich öffentlichen Wohnungsbau, wirksame Mietregulierung und Genossenschaften für zentrale politische Instrumente. Wo Wohnungen dauerhaft leer stehen oder ausschließlich als Spekulationsobjekte gehalten werden, sollten Kommunen rechtlich wirksame und verhältnismäßige Möglichkeiten haben, dagegen vorzugehen.

Dabei darf man sich keine einfachen Lösungen einreden. Mietregulierung allein schafft keinen zusätzlichen Wohnraum. Neubau braucht Flächen, Fachkräfte, Geld und Zeit. Öffentliche Wohnungsunternehmen müssen wirtschaftlich tragfähig bleiben. Und Eingriffe in Eigentumsrechte brauchen eine rechtliche Grundlage. Das sind ernsthafte Einwände, aber keine Argumente dafür, den Markt einfach machen zu lassen und auf ein gutes Ergebnis zu hoffen.

Für mich lautet die politische Frage nicht, ob Wohnen Geld kostet. Sondern wer die Kosten trägt, wer daran verdient und ob die Versorgung mit Wohnraum wichtiger ist als die Möglichkeit, mit Knappheit hohe Gewinne zu erzielen.

Warum politische Prioritäten keine Naturgesetze sind

Hier liegt für mich der eigentliche Konflikt.

Wenn es darum geht, Unternehmen zu entlasten und Investitionen anzuregen, wird zu Recht darüber diskutiert, welche steuerlichen Anreize Wachstum schaffen könnten. Der Bundestag beschloss 2025 ein Investitionssofortprogramm, dessen steuerliche Maßnahmen nach der damaligen Berechnung 2027 zu rund 11,8 Milliarden Euro Mindereinnahmen führen sollten. Dahinter steht die politische Hoffnung auf mehr Investitionen, Innovation und Arbeitsplätze.

Das kann man begründen. Eine funktionierende Wirtschaft ist schließlich auch für junge Menschen wichtig. Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und Steuereinnahmen entstehen nicht unabhängig von Unternehmen.

Aber warum wird die Förderung von Investitionen häufig als notwendige Zukunftspolitik behandelt, während öffentliche Ausgaben für Bildung, Wohnen oder soziale Sicherheit vor allem als Belastung des Haushalts erscheinen? Auch ein gut ausgestattetes Klassenzimmer ist eine Investition. Auch bezahlbarer Wohnraum verbessert Zukunftschancen. Und auch soziale Sicherheit schafft Voraussetzungen dafür, dass Menschen sich entwickeln können.

Ich behaupte nicht, dass jede Unternehmensentlastung falsch ist oder dass die gesamte Politik ausschließlich den Superreichen dient. Dafür wäre die Wirklichkeit zu kompliziert. Aber ich finde, wir sollten sehr genau prüfen, wessen Interessen bei politischen Entscheidungen organisiert und hörbar vertreten sind und wessen Bedürfnisse sich erst durch Protest Aufmerksamkeit verschaffen müssen.

Das ist eine Verteilungsfrage. Und sie ist politisch, nicht naturgegeben.

Wer spricht eigentlich für uns?

Auch die Zusammensetzung der Parlamente spielt dabei eine Rolle. Nach der Bundestagswahl 2025 waren von den Abgeordneten nur 32 jünger als 30 Jahre. Das Durchschnittsalter lag bei 47,1 Jahren, wie der Bundestag selbst ausweist.

Ich kritisiere häufig eine Politik alter weißer Männer. Damit meine ich nicht, dass ein älterer Mann automatisch schlechte Politik macht oder eine junge Frau automatisch gute. So einfach ist es nicht. Mich stört eine politische Kultur, in der diejenigen, die über unsere Lebensbedingungen entscheiden, oft selbst weit von diesen Bedingungen entfernt sind und in der junge Perspektiven aus meiner Sicht zu selten den Ausschlag geben.

Natürlich müssen Abgeordnete nicht selbst zur betroffenen Gruppe gehören, um ihre Interessen vertreten zu können. Aber wenn eine Generation zahlenmäßig schwach in politischen Institutionen vertreten ist, sollte man besonders aufmerksam darauf achten, ob sie außerhalb dieser Institutionen tatsächlich gehört wird.

Demokratie besteht schließlich nicht nur daraus, alle paar Jahre eine Stimme abzugeben. Sie lebt auch von Beteiligung, Kritik und dem Recht, politische Entscheidungen öffentlich infrage zu stellen.

Von Trauer zu Wut zu Widerstand

Ich habe versucht, das Gefühl hinter diesen Protesten in einem Satz zusammenzufassen: Von Trauer zu Wut zu Widerstand.

Am Anfang steht vielleicht keine Wut, sondern die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt. Dass die Zukunft unsicherer wirkt. Dass man sich immer stärker einschränken muss. Dass über Probleme gesprochen wird, ohne dass man eine ausreichende Veränderung erkennt.

Irgendwann wird aus dieser Enttäuschung Wut. Nicht zwingend auf einzelne Menschen, sondern auf politische Entscheidungen und Strukturen, die man für diese Lage verantwortlich macht. Und irgendwann kann daraus der Entschluss entstehen, nicht länger nur zuzusehen.

Das ist kein festes Gesetz und kein wissenschaftlich belegter Ablauf, den jeder Demonstrierende durchläuft. Aber als Beschreibung eines möglichen politischen Prozesses trifft es für mich einen wichtigen Punkt.

Damit aus Wut Protest wird, braucht es allerdings noch etwas anderes: die Erfahrung, nicht allein zu sein. Soziale Medien können genau das ermöglichen. Sie verbreiten Aufrufe, vernetzen Menschen und machen gemeinsame Probleme sichtbar. Eine Forschungsübersicht von Jost und Kollegen beschreibt, wie digitale Netzwerke Informationen zur Organisation von Protesten ebenso verbreiten können wie Gefühle von Ungerechtigkeit, Zusammengehörigkeit und Hoffnung auf Wirksamkeit.

TikTok hat weder die Wohnungskrise verursacht noch den Lehrkräftemangel erfunden. Aber eine Plattform kann dazu beitragen, dass aus vielen einzelnen Erfahrungen eine gemeinsame politische Forderung wird.

Das hat auch Grenzen. Eine viral gewordene Bewegung ist noch keine demokratisch organisierte Bewegung. Reichweite ersetzt weder Verantwortung noch einen überzeugenden Plan. Gerade deshalb muss man die aktuellen Initiativen auch kritisch betrachten dürfen, ohne ihre Anliegen abzuwerten.

Und noch etwas ist mir wichtig: Protest entsteht nicht nur aus Wut. Wer auf die Straße geht, muss zumindest einen Rest Hoffnung haben, dass sich etwas ändern lässt. Vielleicht ist dieser Glaube an Veränderung sogar das Entscheidende.

Widerstand ist nicht gleich Gewalt

Gerade nach dem 31. Oktober lässt sich die Frage nach den Grenzen von Protest nicht ausklammern. In Hamburg verlief der Demonstrationszug zunächst weitgehend friedlich. Später flogen laut NDR unter anderem Steine und Böller auf Polizistinnen und Polizisten, Barrikaden wurden angezündet. Die Polizei meldete zwölf verletzte Einsatzkräfte und nahm 120 Menschen in Gewahrsam. Auch aus Frankfurt und anderen Städten wurden Angriffe auf Einsatzkräfte gemeldet. Das sind keine nebensächlichen Vorfälle.

Gleichzeitig muss man genau hinsehen, um welche Veranstaltung und welche Menschen es jeweils geht. In Berlin gab es neben der weitgehend friedlichen Kundgebung von „Gen Z regelt“ eine zweite, anders organisierte Demonstration, bei der es zu Ausschreitungen kam. Dass an einem Tag in derselben Stadt protestiert wird, macht die Veranstaltungen nicht automatisch zu einer einzigen. Das ZDF hat die beiden Berliner Proteste ausdrücklich unterschieden.

Auch bei Berichten über Plünderungen ist Vorsicht nötig. So wurde in Hamburg in der Nacht in ein Sportgeschäft eingebrochen. Ob dieser Einbruch mit den Ausschreitungen nach der Demonstration oder mit der Halloween-Nacht zusammenhing, war nach dem NDR-Bericht vom 1. November noch unklar. Daraus sollte man keine eindeutige Geschichte machen, nur weil sie ins eigene Bild passt.

Ich unterstütze Protest. Ich halte auch zivilen Ungehorsam für legitim, wenn Menschen bewusst und gewaltfrei Regeln übertreten, um auf politische Missstände aufmerksam zu machen. Schul- oder Universitätsblockaden können eine deutliche Form sein, die Dringlichkeit einer Forderung sichtbar zu machen. Ob eine konkrete Aktion angemessen und rechtlich zulässig ist, muss dabei gesondert bewertet werden.

Was ich nicht unterstütze, sind Angriffe auf Menschen, Plünderungen und wahllose Sachbeschädigungen. Ein Geschäft auszurauben löst weder das Bildungsproblem noch die Wohnungskrise. Und Menschen, die mit politischen Entscheidungen nichts zu tun haben, dürfen nicht einfach zur Zielscheibe werden.

Genauso wenig akzeptiere ich aber den umgekehrten Kurzschluss: Nur weil im Umfeld einer Protestbewegung Menschen gewalttätig geworden sind, sind nicht alle Demonstrierenden dafür verantwortlich. Und die Organisatoren sollten sich Fragen nach Abgrenzung und Verantwortung stellen lassen, ohne dass man ihnen unbelegte Taten zurechnet. Wer die gesamte Bewegung auf Ausschreitungen reduziert, muss sich fragen lassen, warum ihre Forderungen plötzlich nebensächlich werden.

Man kann Gewalt klar ablehnen und gleichzeitig die Gründe für Protest ernst nehmen. Die Ursachen von Wut zu erklären, heißt nicht, jede Handlung aus dieser Wut heraus zu rechtfertigen. Für mich gehört diese Unterscheidung dazu.

Protest muss nicht perfekt sein, um notwendig zu sein

Die Forderungen junger Menschen verdienen keine Zustimmung allein deshalb, weil sie von jungen Menschen kommen. Mehr Geld für Bildung muss sinnvoll eingesetzt werden. Bezahlbares Wohnen erfordert mehr als Mietobergrenzen. Entlastungen bei den Lebenshaltungskosten müssen finanziert und zielgerichtet gestaltet werden. Und politische Entscheidungen betreffen immer verschiedene Gruppen, deren Interessen manchmal miteinander kollidieren.

Diese Gegenargumente sind wichtig. Ich möchte nicht, dass mein politischer Standpunkt davon lebt, sie zu ignorieren.

Aber ich möchte auch nicht, dass der Hinweis auf knappe Kassen jede Debatte beendet. Ein Haushalt ist nicht nur eine Rechnung. Er ist eine Entscheidung darüber, was einer Gesellschaft wichtig ist. Wenn eine Regierung erklärt, für bestimmte Verbesserungen sei kein Geld da, ist die nächste Frage nicht unverschämt, sondern notwendig: Warum hat anderes Vorrang?

Für mich ist das der Punkt, an dem aus persönlicher Unzufriedenheit eine politische Forderung wird.

Ich will eine Bildungspolitik, die uns auf das wirkliche Leben vorbereitet. Eine Wohnungspolitik, die Wohnen nicht nur als Anlage betrachtet. Und eine Politik, die die sozialen Bedingungen junger Menschen nicht erst dann ernst nimmt, wenn sie auf der Straße stehen.

Frankreich zeigt, dass anhaltender Protest konkrete politische Reaktionen auslösen kann. Ob daraus dauerhaft bessere Bedingungen entstehen, ist offen. In Deutschland haben die Demonstrationen vom 31. Oktober die Unzufriedenheit vieler Menschen sichtbar gemacht. Die Gewalt am Rande und nach einzelnen Veranstaltungen gehört ebenso zur Bilanz. Welche politischen Folgen dieser Protesttag tatsächlich hat, lässt sich jetzt noch nicht sagen.

Aber ich glaube, wir sollten diese Proteste nicht allein daran messen, wie viele Menschen teilnehmen oder ob am nächsten Tag ein Gesetz geändert wird. Ihr Wert liegt auch darin, dass junge Menschen gemeinsam eine Frage stellen, die viel zu oft übergangen wird:

Warum sollen wir unsere Zukunft einfach hinnehmen, wenn wir doch diejenigen sind, die in ihr leben müssen?

Wir sind nicht nur die Zukunft. Wir sind schon jetzt Teil dieser Gesellschaft. Und wir haben jedes Recht, mitzuentscheiden, wie sie aussehen soll.